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Postmoderne Archaik: 300

300
USA 2007, Zack Snyder, 117 Minuten

Intellektuell so unerträglich langweilig wie am Kern vorbei: das politisch motivierte Rumpöbeln gegen 300, das jetzt nach der langerwarteten Premiere aus allen Ecken der Blogosphäre eintröpfelt. Wo man den kleinbürgerlichen Ufa-Gemütlichkeits-Faschismus eines Veit Harlan oder die sauber-zivilisierte Werbe-Heimeligkeit des Militärischen bei JAG & TV-Konsorten in diesem prachtvollen außerirdischen Fiebertraum wiederfinden soll, ist mir ein Rätsel. 300 ist eine euphorische künstlerische Jonglage mit faschistoiden Ideologemen, die Distanz allerdings, die er zu diesen im Zuschauer erzeugt, könnte größer kaum sein (und gerade dafür sind die lauten Ekel-Reaktionen der Rezensenten dann doch brauchbarer Zeuge).

Blut, Hass, Massenmord, Architektur aus Leichen (gleich zweimal bauen die Spartaner Mauern aus Leichenbergen der Perser, zur physischen und moralischen Blockade, bald sogar als Kriegsgerät, als Lawine, ihre Feinde zu überrollen), Verachtung des Lebens und Liebe zum Tod, das alles zelebriert der Film ins ekstatisch Wahnhafte hinein und stößt dabei zuweilen in die Höhen der Expressionisten, der Surrealisten und des divinen Marquis de Sade vor. Doch neben der Literatur auch das Kino als eigene Poesie des imaginierten Schönen zu lesen, es sich frei austoben zu lassen ohne Rücksicht auf Ansprüche der Rationalität und der Moral, das überfordert dann doch immer noch so manchen Feuilletonisten. Erfreulicherweise schert sich die Profitgier kommerzieller Filmproduzenten darum nicht die Bohne.

300 ist vor allem neben The Tracey Fragments dieses Jahr einer der ästhetisch gewalttätigsten Brocken, die dem eben nach gewalttätiger Erweiterung und Erneuerung seiner Welterfahrung gierenden Kinopublikum entgegengerollt werden. 300 ist die Abfilmung von Frank Millers Comicvorlage Panel für Panel, in voller Ausschöpfung der ästhetischen Eigenartigkeit, die sich im Filmendprodukt aus der klaffenden Lücke zwischen den Sprachen der beiden Medien ergeben muss. Verdächtig nah an der Avantgarde suhlt 300 sich in höchster Künstlichkeit und höchster Befremdlichkeit. Ein Realitätseindruck der filmischen Räume ist nicht mehr vorhanden, die Blue-Screen-CGI-Kulissen treiben das Geschehen vollends ins seit hundert Jahren filmhistorisch begrabene malerische Bühnentableau zurück. Die Zeit löst sich auf: Zwischen den Aufnahmegeschwindigkeiten wird in den Schlachtszenen so munter hin und her moduliert, dass ein 'normaler' Zeitfluss als Referenzwert ganz verloren geht (auch hier eigentlich wieder eine Parallele zum frühen Kino, das bei freier Kurbelei des
Die Comic-Vorlage von Frank Miller und Lynn Varley.
Cinematographen eine Vorgabe von 24 Bildern pro Sekunde noch nicht kannte). Und die Figuren sind natürlich keine Menschen nach Maßstab des modernen realistischen Dramas, sondern (nicht faktisch, aber in der Weise ihrer Darstellung) Sagengestalten, Halbgötter und Ungeheuer, und dementsprechend reden sie auch.

Mythisch aufgeladene Körper, überdimensionale Skulpturen und groteske Monstren wälzen sich so mit schauriger Psychoakustik in Zeitlupe durchs Bild. Die unheimliche, unwirkliche Dingwelt von 300 ist näher dran am Cremaster Cycle als am immersiv-hyperrealistischen Raum des postklassischen Hollywoodspektakels. Die Welt von 300 ist weit weg, ganz, ganz weit weg von allem, in das man sich selbst hinein vorstellen könnte. Trotz ihres eigentlich profaneren Gegenstandes einer realen Schlacht wirkt sie phantasmagorischer als Peter Jacksons Fantasy-Mittelerde in seiner Lord-of-the-Rings-Trilogie, die im Vergleich ein pseudo-authentisches Mittelalterporträt abgibt. Die geschichtliche Distanz von zweieinhalb Jahrtausenden hinab ins nur noch halb legendenhaft überlieferte, vielfach nachträglich ausgemalte Archaische lässt sich filmisch vielleicht nicht treffender erarbeiten als in 300; 300 ist gefilmte Distanz. Ein nach modernen Maßstäben des Realismus ausgestaltetes Filmbild der Antike mit naturalistischem Schauspiel erscheint so als die historisch verlogenere Rekonstruktionsalternative. 300 dagegen bleibt selbst über den Umweg des Frank-Miller-Comics und dessen Inspirationsquelle The 300 Spartans der Urquelle Herodot noch erstaunlich treu, bis zuweilen ins wortwörtliche Zitat.

Diese filmgewordene historische Distanz einerseits ist es, die 300 zu eben keinem faschistischen Propagandafilm macht. Wenn ein Göring die Thermopylenschlacht als moralisches Gleichnis für Stalingrad beschwor, ging es ihm um Herstellung von Kontinuität, historischer Fundamentierung und Rechtfertigung des Eigenen im edlen Antlitz der hochgeschätzten Antike: Wir sind wie die alten Griechen. Ein Film, der das alte Griechenland derart unerreichbar, unwohnlich und inkommensurabel macht wie 300, verbaut viel mehr diesen Weg. Dabei ist es bemerkenswert, dass er die historisch (einigermaßen) korrekten faschistoiden Ideologeme auch gerade nicht offen ironisiert (er ist insbesondre frei von der heiteren Verspieltheit eines Paul Verhoeven), denn auch so würde er sie nur ins Kommensurable holen.

Nein, er reproduziert sie einfach (so halbwegs, in Anbetracht der Distanz), auch filmisch, und merkt, dass das Spaß macht. Infolge treibt er sie zum offenen künstlerischen Wahn und Exzess. Und der ist nie langfristig kompatibel mit realer politischer Ideologie. 300 ist in seiner Ungezügeltheit letztlich näher an Gottfried Benn als an den ästhetisch Biederen Harlan oder Schirach und würde wohl wie Benns Expressionismus in einer von ihm herbeiphantasierten faschistoiden Wirklichkeit faktisch einfach aus der geduldeten Kultursphäre rausgestrichen werden. (Und was die Wirkung als
Der 300-Soundtrack von Tyler Bates.
Propagandafilm betrifft: Sowieso darf bezweifelt werden, dass je z.B. ein Leni-Riefenstahl-Film einen Zuschauer zum Nationalsozialismus konvertiert habe. Selbst die Russenstummfilme scheiterten letztlich in ihrem Projekt der Ideologie-Konstruktion im Zuschauer über intellektuelle Schlagstock-Montage. Am Ende betrieb Eisenstein mit seinen historischen Filmopern für Stalin zu Alexander Newski und Iwan den Schrecklichen (ein Werk-Komplex, den mit 300 ausführlich zu vergleichen in gewiss mehr als nur einer Kategorie interessant wäre) über die Ästhetisierung nur noch Ideologie-Dekonstruktion.)

Zuallerletzt ist 300 ein kommerzieller Unterhaltungsfilm, der seinen Gegenstand auf seine konsumistische Genießbarkeit reduziert und schließlich nett verpackt in ein Regal neben tausend anderen gleichberechtigten Waren stellt. Kaum die beste Voraussetzung für das Sprießen der fanatischen Selbstaufopferung und Ausschließlichkeit, die Totalitarismen, Faschismen und Fundamentalismen für sich beanspruchen.

Siehe auch in cine:plom:
Slavoj Zizek zu "300"
Pausenmusik
Pausenmusik: Biene Sparta


Monday April 9, 2007

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Kommentare

  1. Lukas / 09. April 2007, 15:38 Uhr

    “Zuallerletzt ist 300 ein kommerzieller Unterhaltungsfilm, der seinen Gegenstand auf seine konsumistische Genießbarkeit reduziert und schließlich nett verpackt in ein Regal neben tausend anderen gleichberechtigten Waren stellt. Kaum die beste Voraussetzung für das Sprießen der fanatischen Selbstaufopferung und Ausschließlichkeit, die Totalitarismen, Faschismen und Fundamentalismen für sich beanspruchen.”
    Aber eben auch nicht für die “Distanz”, die Du zwischen der dargestellten Welt und dem heutigen Publikum postulierst. Dass diese nicht – zumindest nicht in der Weise, wie Du sie beschreibst – existiert, dafür ist alleine schon die imdb-Seite zu 300 Beweis genug, wo tausende Miller/Snyder Fanboys nicht nur auf der “historischen Genauigkeit” osä des Films pochen, sondern sich den Film auch als Ganzes (und durchaus auch in seiner faschistoiden Ideologie, die aus meiner Sicht allerdings noch das kleinste Übel des Films ist) aneignen, inklusive “This is Sparta!” Gebrüll an allen Ecken und Enden – also die exakt gleichen Reaktionen wie auf so ziehmlich alle Fatasy/Actionspektakel der letzten Jahrzehnte. Wo da eine Erneuerung irgendeiner Welterfahrung stecken soll, kann ich bei bestem Willen nicht erkennen… Ist ja eigentlich auch ganz logisch: wenn mutierte Schildkröten und hässliche Kampfroboter schon seit Jahrzehnten als Identifikationsfiguren funktionieren, warum dann nicht auch ein völlig entpsychologisierter Leonidas? Nebenbei; auch die ästhetischen Techniken der Power Rangers Serie unterscheiden sich nicht allzu sehr von denen in 300…

  2. Peer / 09. April 2007, 15:47 Uhr

    Entschuldige, aber was soll das bedeuten? "Ufa-Gemütlichkeits-Faschismus eines Veit Harlan"? Das weißt darauf hin, daß du nie einen Film von Harlan gesehen hast. Zumindestens nie bewußt und ohne Vorurteil gesehen hast. Wenn Harlans Filme eines ganz gewiß nicht sind, dann gemütlich.
    Vielmehr ist als zentrales und kennzeichnendstes Element die Kreation einer besonders gefärbten Stimmung zu nennen, die sich in den Filmen keines anderen Regisseurs findet.
    Beispiele hierfür sind die Königinnen-Szene aus "Kolberg" oder in dem Bauernfilm, in dem Söderberg am Ende im Schnee stirbt. (Name entfallen)

    Jedenfalls zählt Harlan unter die ersten Regisseure überhaupt, das ist klar. Und du solltest erst sehen und dann urteilen. Sonst kommst du nämlich zu Fehl- und Vorturteilen wie dem von der Gemütlichkeit!

    [Anmerkung von Christian Heller: Ich hab mir die Freiheit genommen, diesen Kommentar vom Schnitzelparadies-Verriss hierher zu verschieben, es erscheint mir fraglos, dass er für diesen Eintrag hier und nicht für jenen gemeint ist.]

  3. Christian / 09. April 2007, 16:47 Uhr

    Peer: “Kolberg” hab ich gesehen (sogar im Kino, in einer erstaunlich gut erhaltenen Fassung), “Jud süß” nur in Auszügen, und irgendeinen Fridericus-Film von ihm auch irgendwann mal in Kinderzeiten; oh, und ich habe sehr amüsante Besprechungen von “Anders als du und ich” gelesen, diesen aber leider noch nicht gesehen. Und “gemütlich” ist diese Variante des Propaganda-Kinos schon, weil sie trotz allem noch ganz in der Ufa-Ästhetik befangen ist und in seinem Pathos auf kleinbürgliche Restauration eines warmherzig-traditionalistischen Ursprünglichen, Alten, “Natürlichen” zielt; anstatt, wie etwa bei den avantgardistischeren Propagandakünstlern, die erbarmungslose Vernichtung des Alten zugunsten eines übermenschlichen Neuen zu fordern. (Das setzt dann vielleicht die faschistischen Futuristen Italiens und in Russland die Wertowschen Kinoki mit ihrem Ideal des elektrischen Menschen in ihrem Utopismus einem nationalsozialistischen Schielen nach dem alten heidnischen Germanen entgegen.)

  4. Christian / 09. April 2007, 16:49 Uhr

    Lukas: Ich finde sehr wohl, dass "300" fürs großvermarktete Mainstream-Kino ästhetisch ganz exzessiv einige Extremalwerte nach oben und unten anschlägt, die eine solche Distanzierung und eine solche Erfrischung der ästhetischen Welterfahrung durchs Kino erzeugen; die Irritation, die aus vielen Anguckberichten spricht, ziehe ich hierbei als Zeugen heran, nicht nur bezogen auf die empfundenen Seltsamkeiten und Unzulänglichkeiten gegenüber modernen Maßstäben eines realistischen Kinos in Dialogen und Bewegungsraum der Figuren, sondern auch z.B. den eben gerade exzessiven Ausmaßen, mit denen Snyder seine Orgien ohne nennenswerte Verschnaufspause oder relativierende Abwechslung oder besänftigende Entschuldigung durchhält, die Endlosigkeit der Slo-Mo-Gemetzel, die Anstrengung, die der Film verursacht; wie du selbst schreibst: "Wer die Schlacht von Thermopylae bis zum Ende durchsteht, fühlt sich zu guter Letzt tatsächlich so, als sei er von einigen Hundertschaften Perser mitsamt ihrer Elefanten überrollt worden." Und dieser Effekt, zwei Stunden kräftig durchgeprügelt worden zu sein, lässt sich sehr wohl als konsumistisches Genusserlebnis verkaufen (freilich, Geschmäcker sind verschieden), die damit assoziierte Ideologie dagegen verpufft, sobald sie im Sonnenlicht mit der Vielfalt der Restkonsumwelt zusammenprallt.

    Dass so eine Ästhetik nicht spontan aus sich heraus isoliert entsteht und zwangsläufig Vorgänger und Geschwister hat, mag ich gar nicht bestreiten. Ich finde aber, der Film rückt in seinen formalen Verwandtschaftsverhältnissen näher einem antirealistischen Kunstkino zwischen Resnais und Barney, aber auch dem Videospiel, als den vergleichsweise noch recht realistismustraditionell und eingängig gestalteten Fantasy- & Sandalen- & Burg-Spektakeln der vergangenen Jahre. Ein entpsychologisierter Leonidas vor unwirklicher Kulisse, der nicht als Identifikationsfigur dienen kann, weil er nicht wie ein Mensch wirkt, in den man sich hineinversetzen könnte, ist eben doch etwas Anderes als sprechende Riesenschildkröten in einem realistischen New York, die eigentlich alle Eigenschaften einer menschlichen realistischen Identifikationsfigur haben, außer, dass sie das Äußere einer Riesenschildkröte besitzen. (Ich erinnere mich jetzt nur an die alten Turtles-Realfilme aus Kindheitszeiten zurück, vom neuen Animationsfilm hab ich noch nix gesehn außer einem kurzen Werbeclip.)

    Davon abgesehen finde ich anonyme Fanboy-Trollereien in Webforen eine höchst problematische Basis für Publikums-Feldstudien ;-)

  5. Lukas / 09. April 2007, 18:21 Uhr

    Dass 300 irgendwie “anders” ist als Lord of the Rings oder Spiderman möchte ich gar nicht bestreiten. Genauso wenig, dass er sich gängigen (oder vielleicht besser: bis in die 70er Jahre gängigen) Realismus-codes des populären Kinos wiedersetzt. Aber das tun Sin City, Teletubbies, Power Rangers, Mtv, Anime / Mangas usw auch (btw der Animationsfilm ja schon mindestens seit den Zehnerjahren). Dass diese Filme / Serien / Computerspiele / Comics Auswirkungen auf das Welterleben ihrer Konsumenten haben, ist natürlich nicht zu bestreiten und erst einmal banal. Das macht diese Werke aber noch lange nicht progressiv oder auch nur avantgardeverdächtig. Denn die Frage ist ja nicht ob, sondern wie ein Werk das Welterleben erweitert. Und wo da jetzt genau im Fall von 300 irgendwelche produktiven Anschlusspunkte sein sollen – für ein Millionenpublikum, das aufgrund des Trailers ein in die Antike versetztes, überlebensgroßes Sin City erwartet und genau das auch bekommt – kann ich mir beim besten Willen nicht vorstellen. Mir erscheinen da doch die Reaktion auf imdb (die sicher nicht in jedem Fall repräsentativ sind) eine recht realistische Art des Umgangs mit dem Film. Nebenbei: So ganz kann ich den beschreibenden Passagen in Deinem ersten Text auch nicht folgen; die wenigen Szenen, die an Xerxes’ Hof spielen und die zwei, drei Monsterangriffe hatten auch mir in dem Film am besten gefallen, aber die nehmen doch einen recht geringen Raum ein. Der Rest ist imo so spektakulär / verstörend nun auch wieder nicht (sondern einfach nur genauso ermüdend wie 2 Stunden Mtv auf voller Lautstärke und ohne Fluchtmöglichkeit), wenn man sich einmal mit der ausgestellten Artifizialität abgefunden hat. Und auf die ist man ja durch Trailer / sonstiges Vorwissen schon vorbereitet.
    Selbstverständlich ist es in gewisser Weise eine Kunst, eine zweistündige Zuschauerquälerei wie 300 im Blockbusterformat zu vermarkten. Das ist aber in erster Linie ein Marketingtriumph von Warner.

  6. Yussuf Stalin / 11. April 2007, 13:27 Uhr

    voll geiler film öy was red ihr da für 1 quatsch!!!1 mit bier uns so voll der hammherr. “this ist sparda-bank!””

  7. Peer / 11. April 2007, 16:02 Uhr

    Christian: Ist ja merkwürdig, was Du unter Gemütlichkeit verstehst.

    Gemütlichkeit ist, wenn ich am Großhesseloer See sitze und meine Maß trinke und dabei die Schwäne füttere.
    Oder in meinem Lehnsessel und mich keiner stört.

    Derartiges kommt in Harlans Filmen aber nicht vor. Warmherzig sind sie auch nicht. Im Gegenteil, es herscht eine Art existenzielle Stimmung (“Und setzet ihr nicht das Leben ein, nie wird euch das Leben gewonnen sein!”)

    Mir scheint, daß du rein ideologisch-vorbestimmt urteilst, ohne Beschaffenheit und Inhalt der zu beurteilenden Filme überhaupt im Einzelnen zur Kenntnis zu nehmen. (Ein Film des dritten Reiches muß per se…gemütlich sein. Wer weiß aus welchem Suhrkamptaschenbuch du das entnommen hast.)

  8. thomas / 12. April 2007, 14:51 Uhr

    Als “gemütlich” würde ich die Harlan-Filme, die ich kenne – Jud Süß, Anders als du und ich und Kolberg in Auszügen – auch nicht unbedingt bezeichnen wollen. Zumindest wenn “gemütlich” im alltäglichen Gebrauch des Wortes gemeint ist, also vor allem das Gemüt umschmeichelnd, mäßig fordernd, und soziokulturell restaurativ, bzw. konservativ-nostalgisch. Hier würde ich eher Heinz Erhardt und die Miss-Marple-Filme heranziehen wollen, natürlich auch Sissi u.dergl. Die Harlan-Filme sind meines Erachtens ja gerade darauf abgestellt, Gemüter nicht einzulullen, sondern aufzukrätzen und zu agitieren: Im Fokus steht Entrüstung, die sich emotional (und fast schon melancholisch – “Wir wollen ja gut sein, doch, ach, die Juden, sie zwingen uns ja regelrecht…” u.ä.) herleitet. Dafür nutzt Harlan das hierfür naheliegendste Genre – das Melodram – und dies, wie man meiner Ansicht nach eingestehen muss, mit einiger Meisterschaft. Gerade dies sollte aber nicht blenden oder gar stille Bewunderung nach sich ziehen, sondern eine unbedingt dekonstruierende Kritik.

    “Gemütlich” würde ich gerade dieses Aufkratzende, zumindest was seine berüchtigten Filme anbelangt, nicht nennen wollen; hinzu kommt noch die seltsame Morbidität, die diese Filme auszeichnet. Als typisch “gemütlichen” Nazifilm, der auch ganz im Zeichen der UFA-Zuckerbäckerei steht, würde ich eher den Münchhausen mit Albers heranziehen, der mit pastellenen Agfa-Farben und einem vor sich hinseufzenden Score in der Tat so etwas wie einlullende Wehmutsgemütlichkeit zeitigt.

  9. Stefan / 14. April 2007, 05:32 Uhr

    Ehre am untauglichen Objekt.
    Man kann doch seinen Anti-Moral-Reflex nicht mit solchem ‘Gut-Böse-Gral’ begründen.
    Die ganze Kritik ist typischerweise negativ (dagegen) intendiert. Postmoderne Verzweiflung. Selber ohne Werte, sympathisiert sie allen Ernstes noch über das Schlechte. Am Ende das Falsche zu adeln. Authentizität Zero.
    Auf jetzt: Geh mit den Fans und Verehrern einen saufen.
    Die haben auf solche intellektuellen Versteher gewartet. Schlag Dich. Sei der Mann! Ihr könntet nicht näher zusammensein.

  10. Chrisse / 16. April 2007, 12:01 Uhr

    Die letzten fünf Sätze des vorangegangenen Kommentars sind so entlarvent, dass auf ihn einzugehen sich vollständig erübrigt.

    Bemerkenswert, dass der Film neben seiner ästhetischen Umtriebigkeit zusätzlich auf den Konformismus innerhalb der Kolumnistenschaft aufmerksam macht. Das war bei Manets “Olympia” auch der Fall.

  11. Claudia / 17. April 2007, 05:34 Uhr

    @ Lukas:

    Zitat:
    “dafür ist alleine schon die imdb-Seite zu 300 Beweis genug, wo tausende Miller/Snyder Fanboys nicht nur auf der "historischen Genauigkeit" osä des Films pochen, sondern sich den Film auch als Ganzes (und durchaus auch in seiner faschistoiden Ideologie, die aus meiner Sicht allerdings noch das kleinste Übel des Films ist) aneignen, inklusive "This is Sparta!" Gebrüll an allen Ecken und Enden”

    Die historische Gauigkeit ist Schwachsinn. “300” historisch genau zu nennen ist so, als ob man “Troja” (mit Brad Pitt, Sean Bean) irgendwie autenthisch nennen würde… Also was auch immer man sonst von dem Film halten mag, als Geschichtsfilm kann man den vergessen. Schon allein wegen der zahlreichen Fantasy-Elemente…

    Aber Deine ‘This is Sparta!!!’-Gebrüll-Beschwerde kann ich nicht so ganz nachvollziehen… Nachdem ich in “Fluch der Karibik” war, durfte ich mir erst mal ne Woche lang Jack Sparrows typischen Kommentar ‘Klar soweit??’ von meinen Film-Mitguckern anhören. Genauso kenn ich Leute, die liebend gerne Elle Drivers Melodie pfeifen, die sie in “Kill Bill 2” gehört haben.
    Und wenn Leute, denen “300” gefallen hat ‘This is Sparta!’ rumschreien – meine Güte, solange sie’s mir nicht ins Ohr brüllen… Wieso soll das gleich heißen “Ich bin so gerne Faschist”?! Wie wär’s mal mit “Ich fand einfach nur den Film stylish”??

    Zum “faschistoiden” werd ich mich morgen äussern, da mich die Uhrzeit langsam plattmachet… ;-)

    @ Chrisse:

    Zitat:
    “Die letzten fünf Sätze des vorangegangenen Kommentars sind so entlarvent, dass auf ihn einzugehen sich vollständig erübrigt.

    Bemerkenswert, dass der Film neben seiner ästhetischen Umtriebigkeit zusätzlich auf den Konformismus innerhalb der Kolumnistenschaft aufmerksam macht. Das war bei Manets "Olympia" auch der Fall.”

    Könntest Du das etwas näher ausführen? Inwieweit “entlarvend” und “Konformismus”?

  12. Peer / 20. April 2007, 00:19 Uhr

    Thomas: Ich finde du beurteilst den großen UFA-Jubiläumsfilm “Münchhausen” bei weitem zu negativ.
    Natürlich ist er auch dazu gedacht, den USA (Hollywood!) filmisch Paroli zu bieten. Daher der große Aufwand. Eigentlich gemütlich ist er aber nicht. Immerhin wird Münchhausens Geliebte von Doge, Inquisition und Bruder im Kloster interniert und zwangsweise zur Nonne gemacht, Münchhausens treuer Diener stirbt und am Ende entschließt er sich selbst zu altern und zu sterben.

    Dann bitte ich auch die Sprüche zu beachten, die Kästner hineingeschmuggelt hat (“Münchhausen war ein kopernikanischer Mensch…”, “Die Inquisition hat tausend Ohren und tausend Augen”, “Was können wir denn tun? – Nichts, gar nichts.” Gut, nicht gerade ein Aufruf zum Widerstand. Aber doch eine gewisse Botschaft an Leute, die die Nazis nicht gerade lieben.)

    Ich finde jedenfalls, daß die gesamte Nachkriegsproduktion (“Sissi”, “Im weißen Rößl am Wolfgangsee” diverse Heimatfilme) vielmehr das Prädikat gemütlich verdienen, als die Filme aus der Zeit des 3. Reichs.

    Im übrigen, wenn man einen Film aus dem Dritten Reich sieht, kann man immer sicher sein, daß er eine gewisse künstlerische Qualität hat. Das kann man von den Perioden davor und danach nicht behaupten.
    Es gibt auch einen Haufen DDR-Propagandafilme auf geradezu kindisch-naivem, äußerst miesem Niveau. (“Ich bin wieder da, Mama”, “Nackt unter Wölfen”) Das ist wirklich Propaganda auf miesestem Niveau. Natürlich haben sie auch Meisterwerke produziert (“Der Unertan”), aber durchgehend eben kein hohes Niveau gehalten.

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