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Berlinale 2007 #2, vorab: Campaign

Berlinale 2007 #2, vorab: Campaign / Senkyo
Japan 2006, Kazuhiro Soda, 120 Minuten

Dieser Dokumentarfilm über den Wahlkampf für einen Sitz im Stadtrat von Kawasaki, Japan, liest sich wie eine Abhandlung über abhängige Arbeit im Post-Angestelltenzeitalter. Der Wahlkämpfer, ein Kandidat der wirtschaftsliberal-sozialkonservativen und zudem ständigen Regierungspartei LDP, hat auf eigene Kosten und eigenes Risiko seiner Partei die Gewinnerschaft für den Stadtratssitz im Distrikt zu besorgen, darf sich aber zugleich nur als untertänigster und bescheidenster und konformistischster Parteisoldat derselben verstehen, die ihm erst die Arbeitsmittel und Infrastruktur zur Verfügung stellt, ohne die er völlig chancenlos wäre.

Die Gespräche und Gängelungen und Disziplinierungen, die Soda einfängt, machen klar: Mit der LDP im Rücken gewinnst du, ohne die LDP bist du nichts, und wenn du die LDP im Rücken wissen willst, machst du alles ganz genau so, wie wir es dir sagen, ohne zu mucken. Hier gibt es keine westlichen Sagas über unorthodoxe Kandidaten, die sich gegen alte Partei-Knörrigkeiten durchsetzen und so unerwartete Erfolge heimfahren, hier ist kein Raum für Modernisierer und Unkonventionalitäten politischer Öffentlichkeitsverfahren. Die LDP ist ein gewaltiger, mächtiger, in die letzten Ritzen reichender, unankratzbarer Apparat, in den man sich nur selbst einpassen kann. Der Wahlkämpfer hat Schwierigkeiten, sich einzufinden, er ist ein Geschäftsmann und Selbständigkeit gewohnt, hier dagegen, erzählt er seinen Jugendfreunden, gehe es wie in der Armee zu, sowas kenne er nicht, da müsse er sich erst reingewöhnen.

Die Wahlpropaganda-Arbeit, deren Verrichtung erwartet wird, ist allerstrengstens durchökonomisiert, durcherprobt, aufs Effizienteste abgeschliffen. In allen Verlautbarungen muss in einem Rhythmus von drei Sekunden der Name des Kandidaten fallen, das ist das Allerwichtigste. Endlos hat er ihn übers Mikrophon rauszuplärren, in den Abendstunden vor Bahnhöfen stehend und Büro-Heimkehrer belästigend. Höchste Kraft-Investition wird vom Partei-Apparat von ihm erwartet, von Früh bis Abend, um Aufmerksamkeit in winzigsten Einheiten für das Endziel zu erlangen. Groteske Situation, einerseits strengste wirtschaftliche Arbeits-Erfolgs-Organisation, andererseits ein The Winner Takes It All als strukturelle Grundvoraussetzung dieses Ein-Personen-Platz-Wahlkampfes, in dem am Ende unendlich viel Arbeit der Verlierer für Nichts gewesen sein wird.

700 Anrufe sind am Tag von einer Helferseinheit zu tätigen. Man arbeitet im Helfer-Team der Partei, das ist Familientradition seit Generationen. Man wird von der Partei auch mal wegbeordert von dem Kandidaten, zu dem man eigentlich gehört, um einen Neuling wie unseren Helden zu unterstützen, aber nur für diesmal, von ihm wird erwartet, dass er sich bei Erfolg seine eigenen Helfer zusammenorganisiert. Die Ehefrau des Kandidaten soll ihren Job kündigen und sich ganz der Partei verschreiben. Sie denkt gar nicht daran. Aber nachdem ihr Ehemann gewonnen hat und die Siegesfeier größtenteils daraus besteht, dass die Partei-Älteren, die Senseis, nach ausgiebigem Banzai!-Rufen den Gewinner mit strengsten Worten an seine endlose Schuld bei der Partei für seinen Sieg erinnern und unendliches Zurückzahlen derselben erwarten (und er auch ganz demütig selbige Verpflichtung auf sich lädt), kommt man schon ins Grübeln, ob sie das beibehalten wird. Schließlich hatte sie sich auch schon zuvor kleinlaut widersprechend durchgerungen, entsprechend der Partei-Öffentlichkeits-Doktrin wieder und wieder sich nicht einfach nur als ihres Gatten Gattin, sondern (obgleich sie Broterwerb betreibt) als seine Hausfrau vorzustellen.

Ach ja. Haften bleibt eine Bahnhofs-Szene, einigermaßen fernab des Wahlkampfgeschehens: Eine bis zum Zerbersten mit Leuten auf dem Weg zur Arbeit vollgequetschte S-Bahn (oder zu was auch immer hier die gezeigte Bahn das verkehrspolitische Äquivalent wäre), deren Tür nicht mehr schließt, weil die innere menschliche Fülle trotz engsten Zusammenquetschens noch immer einigermaßen herausragt; worauf Bahnhofsangestellte mit scheinbar einiger Routine zu dritt oder viert gegen die rausragende Menschen-Traube zu drücken versuchen, um sie reinzuzwängen, auf dass das Abfahrsignal gegeben werden könne. An Japan-erfahrene Mitlesende: Ist sowas ein normales urbanes Bild dort? Ich hätte in Berlin auch gerne S-Bahn-Reinquetscher.

Nachtrag: Zumindest der Hauptdarsteller …

Friday January 19, 2007

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Kommentare

  1. zacci / 29. July 2008, 07:23 Uhr

    [quote]Ist sowas ein normales urbanes Bild dort? Ich hätte in Berlin auch gerne S-Bahn-Reinquetscher.[/quote]

    ja das ist in den größeren städten japans zur rush-hour alltäglich. zur rush-hour sind auch mehr bahn-angestellte vor ort, unter anderem auch aus diesem grund. in der regel handelt es sich übrigens um eine mischung aus s- und u-bahn ;)

    p.s.: danke für die tolle zusammenfassung des films! hat mir sehr geholfen ;)

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