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Ein fliehendes Pferd

FaF-Sneak-Preview: Ein fliehendes Pferd
BRD 2007, Rainer Kaufmann, 92 Minuten

Vor, ich weiß nicht, einem halben Jahr vielleicht, lief in der FaF-Sneak ein anderer deutscher Film, der diesem hier in seinen äußeren Koordinaten bemerkenswert ähnelte: Alain Gsponers Das wahre Leben (a.k.a., laut IMDb, Bummm!). Er handelte von einer mit sich selbst im tiefsten Inneren unzufriedenen bürgerlichen Familie, deren Lebensentwurfsblase in zerstörerischer Konfrontation mit einer etwas verquasteren neuen Nachbarsfamilie (darunter Hannah Herzsprung als Tochter, in einer psychotisch-autoaggressiven Aufmüpfigkeit, die sie mir kurz nach der Ansicht von Vier Minuten als höchst getypencasted erschienen ließ) befreiend zusammenbricht. Das Ehepaar wurde von Katja Riemann und Ulrich Noethen gespielt, mit Noethen als dem offenkundig unausgeglicheren, frustrierteren, aber auch zum Eingeständnis dieser Frustration schadhaft unfähigeren Pol der beiden.

Und nun in Ein fliehendes Pferd wird im Grunde die selbe Geschichte mit den selben Darstellern erzählt. Das Milieu wirkt nur etwas gegenwartsferner, uriger in westdeutscher Blütezeit verhaftet, es ist ja auch die Verfilmung einer Martin-Walser-Novelle aus den 1970ern.

Die Eheleute Riemann und Noethen machen (und zwar schon immer!) Urlaub am Bodensee. Die Riemann geht gerne schwimmen, der Noethen bleibt lieber am Strand oder in der Villa und täuscht vor, dort Schopenhauer,
Der Soundtrack von Ein fliehendes Pferd.
Welt als Wille und Vorstellung, zu lesen. Da springt ihn eines Tages ein alter Bekannter aus Jugendzeiten an, Ulrich Tukur, ein lautstark den eigenen Lebensentwurf propagierender, abenteuerlustiger Lebemann, der ihn für den Rest des Films mit Geschichtchen über die gemeinsame Vergangenheit und anderen Provokationen nerven wird. Er will ihn aus der verschlafenen Reserve locken. Noethen, der sein Leben am liebsten ungestört im immergleichen Ruheraum verbringen möchte, nimmt das höchst widerwillig hin, denn er wird bezirzt von Tukurs junger Freundin, Petra Schmidt-Schaller. Die Riemann dagegen fühlt sich umgehend eingenommen von der Lebemannhaftigkeit Tukurs im Kontrast zur Langweiligkeit ihres Ehemannes. Irgendwann resümiert sie ihrem Gatten gegenüber: Wir werden verführt. Und zwar hinaus aus unserem angestammten spießerischen Lebensentwurf. Noethen kontert: Wir dürfen uns von der Verführung nicht kirre machen lassen: Was als das Gute erscheint, ist in Wirklichkeit das Schlechte.

Getragen wird diese Anordnung von einer großen Grobheit der Andeutungen und Pointen, die sich in den Verführungsszenen zuweilen auf dem Niveau eines Fipps-Asmussen-Flachwitzes bewegen und um Zweideutigkeiten von Wörtern wie "Vögeln" und "Latte" kreisen. Ich war sofort bereit, das über die Vorlagenautorenschaft Martin Walsers auf eine Altherreninfantilität deutscher Literaten zu schieben, stellte nachträglich aber fest, dass Walser beim Niederschreiben der Novelle erst um die fünfzig war und die Dialoge vielleicht eher dem Kopf des Drehbuchautoren entstammen mögen.

Die Flachheit erstreckt sich nicht nur auf die Dialoge, sondern auf den Witz und die Ideologie des Films allgemein, oftmals reines Typenverhöhnen mit leichten Zielscheiben, der bildungsbürgerlich-provinzielle Spießer, der selbstbeweihräuchend "independent" Lebemann-Poser. Oder, ich muss mich korrigieren, bei Tukurs Lebemann wandelt sich die Figur zum Ende hin ins Mystische und transzendiert so ihr profanes Typenporträt: der rätselhaft aus dem Wasser Wiederauferstandene -- Godards Nouvelle Vague --, der aus dem Nichts gekommene und ins Nichts wieder verschwindende Aufrüttel-Verführer der bürgerlichen Familie -- Pasolinis Teorema.

Die Plattheit, mit der der Film streckenweise geradezu zu kokettieren scheint, ist vielleicht nicht ganz das, worauf er hinaus will. Es gibt interessante Momente, etwa die Inszenierung eines anfänglichen Café-Gesprächs zwischen den vier Figuren: Ganz profan einerseits in Schnitt- und Gegenschnitt eingelöst, verbleibt doch jede Einstellung auf den einzelnen Akteure in einer Schwenk-Bewegung in die gleiche Richtung, über mehrere Minuten, so penetrant herausgestellt, als würde hier Formexperiment geübt. Oder ein für die hier nicht zu spoilernde Schluss-Situation conveniently plazierter Baum mitten im Bodensee -- das wirkte schon etwas zu plump als Zufallskonstrukt, um nicht als selbstbewusste künstlerische Idee aufscheinen zu wollen.

Und vor allem mag da ja in allem doch ein irgendwie treffendes Psychogramm irgendeiner ganz spezifischen bundesdeutschbürgerlichen Menschenart vergraben sein. Die mich persönlich aber, um ehrlich zu sein, kaum weniger interessieren könnte. (Ein Problem, das auch auf motivisch verwandte Filme wie z.B. Sommer '04 zutrifft -- der im Grunde sogar den
Martin Walsers gleichnamige literarische Vorlage zu Ein fliehendes Pferd.
einen oder anderen identischen plot twist aufweist, aber von der Ästhetik eher der ganz woanders liegenden Berliner Schule anzuorten ist.) Wie ich schon erwähnte, die Erzählung erscheint mir mit ihren Charakteren sehr verhaftet in der Zeit und Kultur der (von mir nicht gelesenen) Vorlage. Das hier ist noch heiles westdeutsches Vor-Rezessions-Bürgertum, da war Alain Gsponers "Das wahre Leben" schon weiter, der seinen Noethen als Risikomanager unter Globalisierung und Firmenübernahme in die Arbeitslosigkeit setzte. In "Ein fliehendes Pferd" wirkt die Welt noch ganz bonndeutsch-provinziell, Bodensee-Idyll, Schopenhauer und Entenkunde, die Performancekunst-Galeristenszene aus "Das wahre Leben" als bürgerliche Kulturkoketterie wäre hier ganz fehl am Platz. Wenn dann Ulrich Tukur im Freiheitsideal über den Wiesen das "fliehende Pferd" einreitet, komme ich mir vor wie in den konservativen Retro-Romantisierungen bürgerlichen Lebens aus Kitschfilmen der Öffentlich-Rechtlichen für ältere deutsche Frauen. Warum hat man diesen Film heute machen wollen? Spießigkeit mag bedauerlicherweise wieder im Trend sein, aber die Neue Bürgerlichkeit wird nicht getroffen, wenn man so genau auf die Alte Bürgerlichkeit abzielt.

"Das fliehende Pferd" kommt am 20. September in die deutschen Kinos.

Monday September 17, 2007

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Kommentare

  1. S. / 18. September 2007, 21:44 Uhr

    Sehr, sehr schöne Rezension. Bitte auch “Yella” besprechen, ja?

  2. Christian / 19. September 2007, 00:25 Uhr

    S.: Naja, ich weiß noch nicht, ob ich in nächster Zeit dazu kommen werde, ihn mir anzusehen (bin recht bald erstmal einen halben Monat weg) … Aber mir hat ja der darin angeblich geremakede “Carnival of Souls” gut gefallen, und die ein zwei anderen Sachen, die ich von Petzold gesehen habe, auch, also schaunmermal :-)

  3. Detlef Borchers / 19. September 2007, 21:25 Uhr

    Schopenhauer? Kierkegaard!

  4. Christian / 19. September 2007, 23:39 Uhr

    Detlef: Nicht in der Filmversion :-)

  5. Paul / 24. September 2007, 23:09 Uhr

    Du hast den Film nicht verstanden, weil Du vor lauter Bäumen den Wald nicht siehst. Der See-Baum wurde vom Sturm entwurzelt, aber selbst diesen Zusammenhang kannst Du nicht herstellen. Die wahre Kunst beim “Pferd” besteht gerade in der Banalität, dem Normalen, den flachen Witzen – so werden die Figuren in ihrer Tragik und Lächerlichkeit erst recht entblößt. Und was soll das bitte für ein Wort sein: “getypencasted”

  6. Christian / 08. October 2007, 03:07 Uhr

    Paul: Ein plomlompom-Wort :-)

  7. Monika / 09. November 2008, 15:48 Uhr

    Gestern habe ich – etwas sehr verspätet freilich – den Film gesehen und war entsetzt. Wie kann man ein so geniales und im zeitalter des Anti-Aging-Fitness-Wahns noch brisanteres Stück Literatur so zugrunde schustern? Wie kann man Charaktere, Diskurs, Plot und Pointe so reduzieren und eine – ums mal ganz barsch zu formulieren – platte “Swinger-Story” mit ein bisschen Positiv vs Negativ, aktiv leben vs passiv im Gewohnten verharren, draus machen?

    Mir scheint keiner der euphorischen Filmkritiker kennt die Story im Original.

    Sicher, eine Literaturverfilmung hat grundsätzlich das Recht, Handlungselemente und Figuren zu ändern. Aber legitim ist das letztlich nur, wenn die Geschichte dadurch gewinnt oder – siehe Romanverfilmungen – wenn aufgrund der Fülle des Stoffes einfach gekürzt werden muss. Walsers Vorlage ist aber nicht lang, also bestens für einen Film mit Normallänge geeignet. Und sie ist vor allem x-mal witziger und überraschender als der filmische Aufguss. Das lässt mich sehr am Verstand der Drehbuchautoren zweifeln.

    Nun könnte man natürlich sagen: Ganz egal, der Film muss unabhängig von der Lektüre beurteilt werden, er ist schlichtweg was Eigenes. Ok. Aber warum dann den Titel klauen? Warum nicht gleich eine eigene Story verfilmen, sondern den Mangel an Einfallsreichtum hinter einem großen Namen verstecken?

    Schade, dass ich den Film nicht gleich im Kino angeschaut habe, dann wäre mein Kommentar jetzt noch relevant. So lass ich nur mal kurz Druck ab – wie unsere masturbierenden Protagonisten. Aber es tut gut (;))

    Monika

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