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Freitags-Kanon #1: der Kanon-Kanon / Citizen Kane

[Das Filmkanon-Spiel]

Ich fange mit einem Kanon der Kanons an. Ein ganz enger Kanon. Ein Ein-Film-Kanon. Und die Auswahl, die ich treffe, des einen Films des Kanons der Filmkanons, dürfte wenig überraschend sein:

Citizen Kane

“Citizen Kane” ist der kanonischste Film der Filmgeschichte: Im Durchschnitt dürfte er derjenige Film sein, der in den meisten Kanons gelistet wird, und in den Kanons, die eine Hierarchie der wichtigsten oder besten Filme aufstellen, auch derjenige, der im Durchschnitt am ehesten an der Spitze steht.

Diese Position ist mit einiger Frustration verbunden: Wie soll ein Werk aus dem greisen Jahr 1941, das von den Filmgelehrten des Planeten um ungefähr 1950 herum als Höhepunkt der Filmgeschichte festgelegt wurde, Bezugspunkt der Kino-Generationen noch bis heute sein? “Citizen Kane” genießt für die meisten Kanon-achtenden Filmfreunde daher einen eher mystischen Status als respektvoll anerkannten Filmgeschichtsgipfel, den man selber nie gesehen hat und wahrscheinlich auch gar nicht unbedingt erklimmen will.

Die Kanon-Spitzen-Position ist eine Anmaßung und gleichermaßen ein Fluch für “Citizen Kane”. Sie belastet ihn mit einem Anspruch an universeller inhaltlicher und künstlerischer Schwere und Bedeutsamkeit und Integrität und Einzigartigkeit, der abschreckt und auch eigentlich unerfüllbar ist. Dabei handelt es sich bei “Citizen Kane” um ein hoch-unterhaltsames Werk voller Witz, Geschwindigkeit und Cleverness. Er ist auch ein Werk großer inhaltlicher und künstlerischer Komplexität, aber eben nicht auf Kosten der Kurzweiligkeit. Es ist, ganz einfach gesagt, ein sehr guter Film. Aber es gibt Abertausende sehr guter Filme. Warum also gerade “Citizen Kane” als das zentrale Werk der Filmkanons?

Es sind künstlerisch wahrscheinlich weniger seine Einzigartigkeiten als seine Durchschnittlichkeiten. Man kann “Citizen Kane” als großes Auteurswerk von Orson Welles betrachten, aber wer ist Orson Welles ohne “Citizen Kane” schon, gewiss nicht der wichtigste oder größte Künstler der Filmgeschichte (da kämen, wenn man schon in solchen Kategorien denken möchte, eher andere in Frage: z.B. Griffith, Eisenstein, Kubrick; außerdem wollen wir die Kontroversen über die Autorenschaft von “Citizen Kane” nicht vergessen, die Welles nicht so ganz für sich allein beanspruchen kann). Man kann von Einfluss reden, aber man liegt falsch, wenn man “Citizen Kane” als bedeutsame direkte filmästhetische Inspirationsquelle liest: Er ist weniger Anfangs- als Endpunkt von Stilgeschichte, ein prachtvoller Katalog all der künstlerischen Verfahren und Formate, die das Hollywood-Kino konnte, auf exemplarische Spitzen getrieben und in einem schmackhaften Potpourri vereint. Hierin liegt einer seiner kanonischen Werte, er steht am Höhepunkt des Klassischen Hollywood-Kinos, er ist potenziertes Konzentrat nicht der gesamten Weltfilmkultur ever, sondern jener historisch-spezifischen amerikanischen Filmkultur, die als die historisch bedeutsamste, die am stärksten formgebende, die reinste des Kinos betrachtet wird, zu der jede andere Filmkultur sich auch heute noch ästhetisch und politisch positionieren muss. Er steht kulturell und ästhetisch wie übrigens auch chronologisch ganz in der Mitte der Geschichte des Films und der Geschichte des Kinos.

Zwei andere Sachen kommen neben diesem Merkmal, das ein Merkmal der Form ist, für den besonderen Kanon-Status hinzu. Die erste ist der narrative Gegenstand. “Citizen Kane” eignet sich so gut als Werk an der Spitze des Filmkanons, des Kanons der Massenkunst des 20. Jahrhunderts, weil er selbst eine Erzählung über Massenkultur, Medienmacht, Kapitalismus und die Kulturindustrie ist, die Geschichte vom Medienmogul, der in seinen realen Inkarnationen William Randolph Hearst und Howard Hughes auch selbst seine Finger im Hollywood-Spiel hatte. “Citizen Kane” ist zwar allerklassischstes Hollywood-Kino, aber paradoxerweise zugleich ganz meta. Nicht so eng meta auf die eigene Oberfläche bezogen, wie das in der Postmoderne der Fall wäre. Aber in weiterem Sinne ist er sehr wohl ein Essay über die Industrie und die gesellschaftlichen Bedingungen, die ihn selbst produzierten und die zugleich allgemein auch Grundlage des filmgeschichtlich zentralen Klassischen Hollywood-Kinos bildeten.

Und der letzte der Punkte, die “Citizen Kane” zum Kanon machen, ist eben ganz rekursiv seine Kanonhaftigkeit. Er würde nicht immer wieder zur Kanonspitze gewählt, wenn die Abstimmenden nicht mit ihm als Kanonspitze aufgewachsen wären. Seine Funktion als kanonisches Zentrum ist ein willkommener rettender Anker für die Filmgeschichte, ihre Philosophisierung und ihre Romantisierung, könnte aber auch genauso gut von manch anderem Werk erfüllt werden. Seine Rezeptionshistorie und seine Aufgabe als Koordinate im Geist des Kinos, das Stricken der Erzählungen um die Produktion und Unterdrückung des Films — ein Kampf des Systems Hollywood mit sich selbst — und den draufgängerischen Genius Orson Welles als Auteur, diese imposanten Meme sind vielleicht die wahren relevanten Einflüsse, mit denen “Citizen Kane” wohl nicht nur so manchen Filmemacher zu inspirieren half, sondern zugleich einen bedeutsamen Anteil an der Konstruktion von klassischer Filmgeschichte leistete.

Und daher besteht mein heutiger Ein-Film-Kanon als Kanon-Kanon aus “Citizen Kane”.

Friday August 10, 2007

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Kommentare

  1. Peter Hengl / 10. August 2007, 11:48 Uhr

    Wirklich ein ganz vorzüglicher Text, Herr Heller, mit dem Sie wirklich bis ins Mark genau alles zusammenfassen, was zu “Citizen Kane” und seinem Status als “Kanon-Film der Kanon-Filme” zu sagen ist. Mit genau diesem Kanon-Status des Films hatte ich nämlich auch so meine Probleme, und durch diesen Blogeintrag ist mir echt einiges klarer geworden.

    Was mir in Ihrem Text aber doch ein wenig zu kurz kommt, ist die Tatsache, dass “Citizen Kane” künstlerisch/technisch zum Zeitpunkt seiner Entstehung sehr wohl an der Spitze (zumindest Hollywoods) stand: der oftgelobte Einsatz der neuartigen Tiefenschärfe oder der häufige Rückgriff auf ungewöhnliche Kamerawinkel (und die darin begründete Notwendigkeit von Decken in den Sets), um nur zwei Beispiele zu nennen, waren durchaus ungewöhnlich und “undurchschnittlich”. (Dass das nicht für des Filmes Status als Bestester der Bestesten reicht, sollte allerdings klar sein.)

    Im Großen und Ganzen stimme ich aber v.a. mit dem letzten Punkt Ihrer Argumentation, der Rekursion von Kanes Kanonismus, überein.

    Ein interessantes Problem mit Kane als Kanon-Kanon speziell, aber auch vielen Kanonses allgemein ist ja, dass es gerade den fortgeschrittenen Filmexperten eigentlich immer ein bisschen scheut, “Kane” in seinen Filmkanon zu integrieren, weil der Film als Kanon-Anführer zwangsläufig abgedroschen und unoriginell ist. Und das könnte dann andere Filmexperten dazu verleiten, dem Kanons-Schöpfer Mangel an Originalität (oder schlimmer: Mangel an Filmkenntnis) vorzuwerfen, weil er ja nichts Besseres zustandebringt, als wieder mal den abgenudelten Kane auszugraben. Was allerdings zwangsläufig zur Frage führt, ob “Kanon” und “Originalität” nicht schon per definitionem widersprüchlich sind.

    Was mich dann wieder zurück zum Anfang des Kommentars führt: Gratulation! Sie, Herr Heller, haben es tatsächlich geschafft, den ausgetretenenen Konzepten “Filmkanon” und “Citizen Kane” tatsächlich einen originellen Text abzuringen und gleichzeitig so gut wie alle potentiellen Hürden, die Ihnen dieser Film bei der zukünftigen Betrachtung von Filmkanonen (-kanones, -kanoni, -kanus?) in den Weg legen könnte, gleich präventiv zu entschärfen. Bravissimo!

  2. Christian / 11. August 2007, 15:40 Uhr

    Danke für die lobenden Worte, Herr Hengl!

    Ich glaub, ich bleib einfach bei Kanons. Alles andere verwirrt die Welt nur :-)

    Natürlich macht “Citizen Kane” stilistisch vieles besonders raffiniert, aber einen über sich selbst hinausweisenden filmhistorisch revolutionären Wert (gerade auch für nachfolgende Filme) würde ich ihm als Einzelwerk dafür nicht zuschreiben. Was man Welles, denke ich, primär zugestehen kann ist eine wahnsinnige Chuzpe und Verspieltheit im Umgang mit seinen Mitteln (z.B. das exzessive, wundervolle Plansequenzeln), weniger direkte technische Innovation derselben.

    Gerade was so Spielereien mit Schärfentiefe, Perspektiven usw. anbetrifft, muss man wohl auch mehr auf Kameramann Gregg Toland achten. Siehe auch “Stagecoach”, den er gerade zuvor machte (und um den die Legende geht, dass Welles ihn sich vierzig Mal angeschaut habe, um sich aufs Filmemachen vorzubereiten).

    Auf Toland zu verweisen, ist mir besonders auch ein Herzensanliegen, weil ich ihn von seinen Ursprüngen her jenem hochspannenden Komplex der “Early American Film-Avantgarde” zurechne, hat er doch u.a. zusammen mit meinem ästhetischen Zweitgott Slavko Vorkapich (später bekannt für die abgefreaktesten Montagesequenzen der klassischen Hollywoodära) 1928 den “Life and Death of 9413: A Hollywood Extra” gemacht.

    Und ja, ich liebe “Citizen Kane”, er ist definitiv einer meiner Lieblingsfilme, aber gerade deshalb finde ich es wichtig, seinen Kanon-Status kritisch zu betrachten, eben weil eine etwas von diesem Status unvoreingenommenere Art, ihn zu rezipieren, vielleicht die gewinnbringendere ist :-)

  3. pion17 / 12. August 2007, 21:55 Uhr

    Sorry, den Film kenn ich nicht, muss man den sehen?

  4. Christian / 13. August 2007, 14:33 Uhr

    pion17: Müssen nicht :-) Aber er ist sehr, sagenwirmal, sehenswert. Wobei nach meiner Erfahrung (ich habe ihn irgendwann als Kind die ersten Male gesehen) er mit mehrmaligem Ansehen gewinnt. Wenn der obige Text dir Appetit auf ihn gemacht hat, könnte sich das Riskieren eines Blickes vielleicht lohnen ;)

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