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The West Wing

In Deutschland lebt man immer noch hinterm Mond, was viele Perlen der in den USA seit einiger Zeit kreativ sprudelnden Fernsehkultur betrifft: Ein bisschen Mainstream (“24”, “Lost”) schafft es zwar auf VOX, Pro 7 und RTL 2. So manchem nimmt sich auch Premiere gnädig an (z.B. der “Sopranos” nach ihrem Flop auf ZDF, bevor sie einen neuen Müllplatz auf Kabel 1 bekamen; “Deadwood” dagegen läuft immer noch nur dort). Ein paar der politisch interessantesten Formate allerdings finden in einer deutschen Medienöffentlichkeit, die Amerika doch sonst so gerne politisch thematisiert, nur Missverständnis oder Desinteresse.

Sie geben hierin beredtes Zeugnis ab vom Verständnis, das der deutsche Mainstream den politischen Gegebenheiten in den USA tatsächlich entgegen zu bringen bereit ist: “The Daily Show” zum Beispiel ist eine polemische Parodie auf Nachrichten-/Reportage-/Meinungsformate des amerikanischen Fernsehens und nimmt dabei gezielt eine öffentliche Diskurskultur aufs Korn, in der Emotionalisierung und Personalisierung vor Sachlichkeit, Schwarz-Weiß-Lagerpolarisierung vor komplexe Differenzierung (dem starren Zwei-Parteien-System entsprechend), Pathos-und-Bullshitsprache vor faktische Aussagen tritt. In der deutschen Feuilletonrezeption der “Daily Show” wird daraus in erster Linie wunderschön unverschämte Bush-Vernudelung (Kritik am System ist dem Deutschen zu abstrakt, er zieht handfeste Angriffe auf Personen vor), und der arme Daily-Show-Host Jon Stewart muss sich uns gegenüber erst noch als (im Grunde wunsch-zeichnete der SPIEGEL ihn schon einmal genau so) der neue Michael Moore bewähren, bevor wir herzlich über ihn lachen und mit ihm zugleich unkompliziert übereinstimmen können.

“The Daily Show with Jon Stewart” schaffte es hierzulande zwar (mal abgesehen von einem auch auf vielen deutschen Fernsehgeräten empfangbaren wöchentlichen Best of auf CNN) auf keinen eigenen Sendeplatz, aber immerhin in diverse Zeitungsartikel, einen Tagesthemen-Beitrag und (dank seiner Sketch-Struktur) in Form verlinkter Schnippsel auch in manches deutsche Blog. Ein anderes bemerkenswertes Format, dem man einiges Mehr an hiesiger Aufmerksamkeit hätte wünschen mögen sowohl wegen seiner künstlerischen Qualitäten als auch seines Potentials, politische Sachverhalte in den Vereinigten Staaten zu verdeutlichen, schloss letzten Sonntag eine fürs kommerzielle US-Free-TV erstaunlich erfolgreiche, hierzulande dagegen völlig unbeachtete siebenjährige Laufzeit ab: die NBC-Serie “The West Wing”.

In 154 Folgen (+ 2 Sonderepisoden, darunter eine spontane Reaktion auf den 11. September) à Dreiviertelstunde Länge stand hier nichts Geringeres im Dramenmittelpunkt als die zwei Amtszeiten einer fiktiven demokratischen US-Präsidentschaft, der Alltag nicht nur des Präsidenten himself, Josiah/Jed Bartlett (gespielt vom präsidentendarstellerisch bereits recht bewanderten Martin Sheen), sondern vor allem seines persönlichen Stabes, von Beratern über Redenschreiber bis zur Pressesprecherin.

In den hervorragenden Darstellern, differenzierten Charakterzeichnungen und witty Dialogen glänzt “The West Wing” unbemüht als hochwertiges Qualitätsfernsehen. Doch obgleich äußerlich-formal erholsam konservativ gestaltet gegenüber den flashigen Trends postmoderner Fernsehkultur (nur ein paar leicht nervige Spielereien im Vom-Ergebnis-her-die-Vorgeschichte-Erzählen fielen mir bei ein paar Folgen auf), ja sogar ein wenig an die Hochzeiten klassischen Hollywooderzählkinos erinnernd, ist “The West Wing” nicht einfach bloß Figurendrama, bzw. nur zu einem Anteil.

Mir fällt keine andere Fernsehserie ein, die je derartiges Interesse, derartige Faszination für politische, bürokratische, geistige Arbeit aufgebracht hätte. Die Heldenhaftigkeit der Figuren wird hier nicht durchdekliniert an körperlicher oder sexueller Potenz oder unzerbrechlicher Treue oder einem Beharren auf der richtigen Moral, sondern an intellektueller Gewandtheit und psychologischer und kognitiver Belastbarkeit, den Fähigkeiten zum Einarbeiten in komplizierte Themen wie auch dem pointierten Vermitteln derselben, der Rhetorik, dem sorgsamen Abwägen und dem erst daraus folgenden entschlossenen Entscheidungsfinden, der Strategiebildung, und vor allem auch der Diplomatie. Den Protagonisten, die ständig übernächtigt sind und überfrachteten Zeitplänen hinterhereilen und bei jeder Begegnung mit ihren Kollegen neue Verantwortungen oder durchzuackernde Papierschwälle zugeschoben bekommen und Konversationen untereinander überhaupt nur noch in höchstkomprimierter Jonglage verschiedenster zu bearbeitender Tagesprobleme führen, bleibt nachvollziehbarerweise kaum Zeit für durchpsychologisiertes Melodram.

Stattdessen wird schonmal Nächte lang über einer komplizierten präsidentialen Entscheidung gebrütet (oder auch nur über einer Agenda-setzenden Formulierung für eine Rede), werden im Problemfeld immer neue argumentativ antagonistische politische Schichten ausgelotet, bis am Ende mal ein halbherziger Kompromiss oder aber ein völlig quergedachter, überraschender neuer Lösungsvorschlag herauskommt. Gesetzesvorschläge werden gegen Senat und Repräsentantenhaus, gegen die gegnerische oder die eigene Partei durchgesetzt oder verhindert mittels juristischer Tricksereien oder Zugeständnissen, die sorgsam in ihren abzusehenden Konsequenzen aufeinander abzuwägen sind. Konflikte auf dem internationalen Parkett werden nach Möglichkeit nicht mit sensationallem Krachbumm, sondern mit durchdachter Diplomatie angegangen. Kontroverses oder Skandalöses wird gegenüber der Presse und Öffentlichkeit mit rhetorischem und medienwirksamem Geschick schadensbegrenzt; Wahlkampagnen werden als argumentative und psychologisch manipulative Medienkriege bis ins letzte Detail durchgeplant.

Ganz automatisch vermittelt “The West Wing” dabei ein plastisches und komplexes Bild des politischen Systems in den USA, seiner Besonderheiten, seiner Potentiale und Probleme. Issues of the Week, von hate-crime-Gesetzesinitiativen über die Todesstrafe bis zum Palästina-Konflikt (Präsident Bartlett löst ihn mal eben), geben in den sieben Staffeln einen zwar nicht erschöpfenden, aber durchaus breiten Überblick über die Themen, die die Vereinigten Staaten politisch bewegen.

Dabei macht “The West Wing” keinen Hehl daraus, dass hier die Demokratische Partei und die “liberals” das Weiße Haus und nebenbei auch größtenteils die Sympathie der Serienmacher erobert haben; “a liberal bias” ist in den Darstellungen der meisten kontroversen Themen nicht zu bestreiten, auch wenn sie sehr oft eine Vielzahl von Perspektiven integrieren. Zwar wird auch vielen Republikanern eine Darstellung als intelligent, kompetent und aufrecht gegönnt: Eine hochqualifizierte Republikanerin wird sogar von Präsident Bartlett in seinen Stab geholt. Ein von Alan Alda (“M*A*S*H”) in der 7. Staffel gespielter republikanischer Präsidentschaftskandidat wird nicht nur mitsamt seinem republikanischen Wahlkampf-Team (darunter die ewig mütterliche Patricia Richardson aus “Home Improvement” a.k.a. “Hör mal, wer da hämmert”) als überaus sympathisch, sondern in einem TV-Duell (das als als Fake-TV-Duell tatsächlich live auf NBC übertragen wurde) als seinem demokratischen Gegner argumentativ in vielem durchaus überlegen gezeichnet.

Doch letztlich bleibt “The West Wing”, auch in seiner Skizze der politischen Gegenseite, natürlich ein großes, vor allem “liberal” Wunschbild, worin sowohl die “besten” Republikaner — d.h. der Alan-Alda-Kandidat — als auch Großteile des Wahlvolkes sich dadurch auszeichnen, dass sie in (eigentlich kontroversen) Kernfragen grundsätzlich mit der “richtigen” Seite übereinstimmen. Zugleich sind die meisten wesentlichen Figuren frei von jedem (nicht nur an der Oberfläche vorgespielten) Zynismus und favorisieren, wenn nicht absolut unmöglich, ehrliches, “faires” und “aufrechtes” Vorgehen in der Politik.

Schon Präsident Bartlett ist ein eigentlich völlig unglaubhaftes und unangreifbares Konstrukt: nicht nur übermenschlich integer (ein bisschen abgeschwächt für das Mindestmaß an psychologischem Realismus, das der Fernsehzuschauer einfordert), altersweise und clever, bodenständig und voller amerikanischer Urigkeit, zugleich direkt von einem der Gründerväter abstammend, die die Unabhängigkeitserklärung unterschrieben, und zutiefst verwurzelt in christlichem Glauben (er kann nicht nur die Bibel auswendig, sondern führt auch als Höhepunkt einer Cliffhanger-Episode einen ganzen langen, ununtertitelten Latein-Dialog mit einem schweigenden Gott — allein das schon verdient einen Alexander-Kluge-Fernsehpreis), großer Rhetoriker und Sympathien-auf-sich-Zieher, sondern auch Über-Intellektueller, der nicht nur in allem zwischen Michel Foucault (wie ein Blick ins Bücherregal in der letzten Folge offenbart) und Lawrence Lessig (den er ob seiner “The Future of Ideas” gleich persönlich anspricht) bewandert ist, sondern nebenbei noch einen Nobelpreis in Wirtschaftswissenschaften besitzt und sein näheres Umfeld ständig mit Nerdwissen jeden Themenbereichs zu nerven weiß. Ein Jed Bartlett hätte eigentlich mit egal welcher Partei 80% aller Wählerstimmen bekommen müssen, solche nach allen Seiten reichenden Übervater-Qualitäten hat er.

“The West Wing” ist halt weniger eine realistische Darstellung als ein zutiefst patriotisches Idealbild amerikanischer Politik (und hat darin seinen lehrreichen Charakter). In Deutschland kann man Patriotismus nur völkisch-räumlich denken. Der Patriotismus, mit dem “The West Wing” neuerlich Americana aufzuladen versucht, die von der Wirklichkeit längst schon (wohl unvermeidlichweise) entleert wurden, ist dagegen keiner von Volk und Raum, sondern von politischen Werten, in die als emanzipativ und glücksbringend vertraut wird, dem Glauben zudem an die Möglichkeit einer Staatspolitik, die auf diese Werte hinarbeite. Naiv, aber rührend.

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Schön emotionale Fazite zur Serie bei Stefan und Igor.

Eingereicht beim Blog Carnival of German-American Relations.

Tuesday May 16, 2006

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Kommentare

  1. Jan / 16. May 2006, 20:00 Uhr

    Ich muss dir hier vollkommen zustimmen, besonders The Daily Show hat es mir angetan, jedoch finde ich auch Family Guy sehr gut gemacht, hier sollte man sich aber nur die englischen Folgen angucken, da im Deutschen manches falsch rüberkommt.

  2. Christian / 17. May 2006, 09:23 Uhr

    Jan: Oh ja, Family Guy ist ganz groß.

  3. Joerg / 17. May 2006, 13:50 Uhr

    Toller Beitrag. Willst ihn hier
    http://america-germany.atlanticreview.org/
    einreichen?

    Viele Daily Show clips schaue ich im Internet unter
    http://www.comedycentral.com/shows/the_daily_show/videos/most_recent/index.jhtml

    Stephen Colbert ist auch klasse. Haste seine Rede beim White House corresspondends dinner gesehen?

    Schade dass es West Wing hier nicht gibt. Die DVD sind so schweineteuer

  4. Christian / 18. May 2006, 12:14 Uhr

    Jörg: Joa, ist eingereicht. Hab ich in dem Prozess alles richtig gemacht? ;-)

    Ja, Colbert ist gut, hab Colbert und den White-House-Auftritt hier rezipiert:
    http://www.plomlompom.de/weblog/903/

    Die Comedy-Central-Seite ist mir bekannt, aber leider wollen die Windows Media Player für die Clips, und den hau ich mir auf mein Linux nicht rauf ;-)

  5. Stefan / 09. August 2007, 01:05 Uhr

    Gut auf den Punkt gebracht, lediglich eine Spoiler-Warnung hätte ich mir gewünscht (ab “Bartlett löst den Palästina-Konflikt” habe ich dann einfach nicht mehr weitergelesen – zu gefährlich).

  6. Christian / 09. August 2007, 06:57 Uhr

    Stefan: Hm, naja, ein so wichtiges Handlungselement für die Serie ist das gar nicht, es beschränkt sich größtenteils auf ein zwei Folgen. Der Rest nach diesem Satz ist glaubich ziemlich spoilerfrei, ich hab mich vor allem bemüht, über den letzten Wahlkampf, wenn man von einer grundsätzlichen Charakterisierung des republikanischen Kandidaten absieht, so vage als möglich zu bleiben ;)

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