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Les Vampires

Les Vampires
Frankreich 1915, Louis Feuillade, Serial mit 10 Folgen unterschiedlicher Länge, imdb.

“Die Vampire” sind eine Verschwörung ausgefuchster Krimineller, die die Oberschicht Frankreichs mit Betrügereien, Diebstählen und Morden unsicher machen. Den verkleidungsfreudigen Bösewichten, darunter Proto-Vamp Irma Vep, entgegen stellt sich tapfer der Gentleman-Journalist (und Gene-Kelly-Lookalike) Philippe Guérande mit seinem großnäsigen Spaßvogel-Gehilfen Mazamette. So die Grundkonstellation, aus der sich in jeder Folge ein neues Spiel des Verbrechens und gegenseitigen Überlistens entwickelt.

Langweiligkeiten wie Realismus, Plausibilität, ausgewogene Dramaturgie oder subtil-komplexe Charakterentwicklung wird man “Les Vampires” schwerlich vorwerfen können: Das hier ist schamloses Unterhaltungsgetose; ein Kino, das 1915 im Rücken noch den Zirkus hat und vor der Nase gerade mal den Groschenroman. Doch es ist frischer und interessanter als all die ambitionierten dramatischen oder poetischen Werke, die damals das Kino vom üblen Geruch des Jahrmarktes zu befreien, als große, der Literatur und dem Theater nahestehende Kunst zu etablieren suchten. “Les Vampires” ist wild, grotesk, einfallsreich—und kurzweilig.

Auf einer Ebene der Oberflächenreize bereits ständige Kitzeleinheiten für den Zuschauer: Schon an Witz und harmlosem Slapstick nicht arm (vor allem Sidekick Mazamette bietet sich stets als comic relief an), hagelt es genauso mit haarsträubenden Stunts: Die Sorglosigkeit, mit der (auch von den Hauptdarstellern selbst) in schwindelnder Höhe an Hausfassaden rumgeklettert bzw. von meterhohen Mauern herunter bzw. auf fahrende Züge herauf gesprungen wird bzw. man sich von selbigen überrollen lässt, ganz offenkundig ohne Absicherung oder doppelten Boden, ist eine lässige Verhöhnung jeder Spiderman-CGI-Trickserei und jeder Sicherheitsmaßnahme am modernen Set aus so sissie-haften Gründen wie versicherungsrechtlichen Bedenken oder Sorge um Wohl und Überleben der Filmstars. In den wenigen Fällen, in denen dann doch offenkundig Puppen statt Menschen verwendet werden, lässt dafür die über alle Physik überspitzte Wahnhaftigkeit des Geschehens die Kinnlade runterklappen, wenn etwa Figuren im dritten Stock neugierig ihren Kopf aus dem Fenster recken, um so von unten her mit einem Lasso eingefangen und dadurch aus ihrer Stube heraus durch die Luft nach unten ins sogleich abdüsende Verbrecher-Auto gewirbelt zu werden.

Auf einer anderen Ebene die fortwährende, geradezu geeky Freude an Trickserei, Technik und Gimmick: Nicht Streben, Werden und kommunikativer oder emotionaler Austausch der Figuren stehen im Fokus des narrativen Interesses, sondern die (beiderseits, wenn auch vor allem bei den Vampiren) hinterhältigen und gewitzten Pläne und ihre Ausführungen; die Verkleidungen, Überlistungen und betrügerischen Inszenierungen, das lauschende Verstecken in Schränken oder hinter Vorhängen, die Geheim- und Falltüren, die ausgeklügelten und camouflagierten Tötungsapparaturen, die geheimen Botschaften und ihre genüsslich filmisch aufgelösten Ver- und Entschlüsselungstechniken.

Überhaupt, wie “Les Vampires” ein ganzes Panorama an Techniken und Kulturtechniken des ausgehenden 19. und beginnenden 20. Jahrhunderts auffaltet und so vorführt, als wolle es an ihrer zeitgenössischen Popularität teilhaben oder sie der Nachwelt dokumentieren: vom überaus delikaten Salon-Französisch der Zwischentitel und den stets leinwandfüllenden Telegrammen, Visitenkarten und Zeitungsspalten, die sorgfältig in ihren medienspezifischen Eigenheiten hervorgehoben werden, über das Telephon und den in seinen Fähigkeiten zelebrierten Phonographen und das Kino bis natürlich zum unerlässlichen 19th century Trendsport Hypnose. Arbeitsprozess, Technik (und ihr Potential) sowie Artefakt werden hier manchmal als größerer Star in den Vordergrund gedrängt als Irma Vep selbst.

Irma Vep jedoch bringt uns auf eine weitere Ebene: Ist schon das obige narrative Vorziehen von List und Technik gegenüber der Figurengeschichte ein äußerst amoralisches, so reflektiert das Gesicht Irma Veps und mit ihr die gesamte Vampir-Bande eine kaum verhüllte Faszination des Serials für die Bösen. Man bewundert bereits und drückt insgeheim die Daumen für die Gewieftheit ihrer Pläne; aber es ist nicht nur die intellektuelle Freude. Bereits das Bisschen, was “Les Vampires” doch noch an Drama hat, entfällt weniger auf die langweilig Guten, sondern wird zwischen Irma Vep und dem Comte de Kerlor und Moréno und Satanas (ja, der nennt sich wirklich so) ganz unter den Vampiren ausgetragen; hier lodern die Leidenschaften, Liebe, Hass, Eifersucht, Verrat, hier gibt es tatsächliche Entwicklungen über den Verlauf der Serie, samt wechselnden Allianzen, Cliffhangern und überraschenden tödlichen Abtritten.

Als größere Gemeinschaft indes erscheinen “Die Vampire” geradezu als heimliches Wunschobjekt: eine omnipotente Geheimgesellschaft schillernder Bösewichte, die fernab jeder Moral der Gesellschaft unter sich aussschweifende Feste und Orgien feiern, wenn sie nicht gerade vornehm versnobten Adeligen Diamantenbroschen klauen. Eine Spaß-Vulgarisierung von Verschwörungsbildern, wie sie diverse Freimaurerlegenden oder die Protokolle der Weisen von Zion liefern (nur sind die Opfer der zuweilen selbst äußerlich eher proletarisch gezeichneten Vampire weniger das Kleinbürgertum als die Oberschicht), vermengt mit der Projektion eines unmoralisch entfesselten Lebens, an dem man im Kino insgeheim dann doch auch ganz gerne passiv teilzunehmen bereit ist.

Man genießt das Böse, und “Les Vampires” zögert nicht, es vollends auszukosten—etwa über immer glanzvoller, glühender verschlagen-bösartige Blicke auch direkt hin zum Publikum, in die Kamera—, bis ins Sadistische zu treiben, ins Blutrünstige—da findet sich schonmal ein abgeschnittener Kopf in einer Truhe und da wird auch schonmal einem unschuldigem Bürger seine Hutnadel in die Halsschlagader gerammt—, ins Fetischistische: Um den schwarzen Ganzkörperwollpullover von Irma Vep mit dem Underworld-Kate-Beckinsale-Latex von heute zu vergleichen, muss man sich wohl erotikgeschichtlich etwas zurückdenken, aber auch ihre anderen hundert, teils maskulinen Aufmachungen sind schon verdächtig, und dann gibt es noch Stellen wie jene, in denen sie per Hypnose gefügig gemacht oder gefangen und in einen Teppich eingewickelt wird, usw., von den vielen Fesseleien und den sonderbaren schwarzen KKK-Lederanzügen, die die Herren-Vampire zuweilen zur Schau tragen, mag ich gar nicht erst anfangen …

Louis Feuillades “Les Vampires”, über neunzig Jahre alt, bleibt und besteht als haarsträubender, wahnwitziger, zuweilen perverser Genuss.

Friday May 5, 2006

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Kommentare

  1. orcival / 15. February 2007, 12:31 Uhr

    hej,
    ich wollte nur sagen wie sehr ich mich ueber den text gefreut hab.
    ich hatte da auch gerade was drueber geschrieben und umso mehr freut es mich, was bei der “konkurrenz” zu finden…

    ich blogrolle dich dann mal…

  2. Louise Lambert / 13. August 2007, 11:39 Uhr

    Bonjour,

    vielen Dank für deinen Text – ich hoffe, du hast nichts dagegen, daß ich deinen Rezension unter www.azud-film.net für eine kommende Aufführung der ‘Vampire’ hier in Köln verwendet habe. Ich habe dich natürlich als Quelle angegeben. Falls du das doch nicht möchtest, gib mir bitte kurz Bescheid. Ich fände es allerdings schade ihn löschen zu müssen, da er ziemlich auf dem Punkt ist.

  3. Christian / 13. August 2007, 14:40 Uhr

    @Louise Lambert:

    Genehmigt!

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