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"Native Land" (USA 1942)

Native Land
USA 1942, Leo Hurwitz / Paul Strand / Ben Maddow (als David Wolff), 80 Minuten
imdb

Propagandafilm für die amerikanische Gewerkschaftsbewegung und gegen ihre Feinde (Erpresser und Bluthunde gieriger Unternehmen, Faschisten, Ku Klux Klan). Patriotisch, poetisch und in der Tradition des linken US-Dokumentarfilms der 30er/40er Jahre. Einfluss der sowjetischen Avantgarde erkennbar (in einem Zeitungsinterview, das vor der Vorführung im Foyer des Arsenal-Kinos aushing, singt Leo Hurwitz ein Loblied auf Dowschenko und Pudowkin).

Am Anfang stehen prachtvolle Bilder von Meer, Bergen und Wäldern Amerikas. Paul Robeson, der große schwarze Sänger der Linken, erzählt mit seiner kraftvollen tiefen Stimme die grandios klingende Geschichte von den freiheitssuchenden Siedlern im 17. Jahrhundert; vom Unabhängigkeitskrieg; vom selbstbestimmten Streben nach Glück; von Demokratie, von freier Rede, von den Bürgerrechten und der “Bill of Rights”; von Präsident Lincoln und der Befreiung der Sklaven; und wie der Amerikaner sich mit der Kraft seiner Hände auf diesen Prinzipien seit dreihundert Jahren ein herrliches Land erbaut habe. Dazu Bilder eines von progressiver Ideologie geleiteten gemeinschaftlichen Werkens in Riesenbaustellen, Fabriken und Bergwerken für das Erschaffen einer neuen, besseren Welt, wie sie sich ganz genauso auch über die Sowjetunion bei Dsiga Wertow finden.

Doch die Freiheit muss fortwährend verteidigt werden. Die Feinde der Freiheit lauern nicht nur im Rest der Welt, sondern auch im Inneren. Ein Farmer, der sein eigenes Land bestellt; er hat vor kurzem auf einer Versammlung öffentlich gesprochen. Er wird, auf seinem eigenen Grund und Boden, totgeschlagen. Eine Aufnahme kennzeichnet die Täter: eine Hand aus einem vornehmen Anzug mit einem teuren Ring am Finger, auf die Tür seines teuren schwarzen Wagens gelegt, ein dekadenter Raubtierkapitalist. Der Farmer, ermordet für den Gebrauch der freien Rede, für die Berufung auf sein amerikanisches Bürgerrecht.

In vielen weiteren Episoden erzählt der Film fortgesetzt vom Mundtotmachen, Einschüchtern, Ermorden amerikanischer Gewerkschafter. Der eindringliche Erzählstil hat seine Wurzeln eher bei den von Hurwitz gepriesenen sowjetischen Filmemachern (und der amerikanischen Vorkriegs-Film-Avantgarde) als in den Konventionen des Hollywood-Kinos, zieht die affektive Kraft der Montage von kontraststarken Großaufnahmen der wohlfeilen Auflösung von Räumlichkeit in “establishing shots” und Handlungsachsen vor, und zeigt lieber die durchfurchten Gesichter von Laien anstelle gepuderter Schauspielerminen. Paul Strands Kameraarbeit und Bildgestaltung schafft ausdrucksstarke Bilder; das des greisen Weißen und des brüderlich von ihm eine Straße entlang geschleppten verwundeten Schwarzen, bevor beide aus dem Hinterhalt erschossen werden; und das des Flures aus Gewerkschaftergesichtern, die aufmerksam das Gesicht jenes verräterischen Firmen-Spitzels studieren, der durch sie hindurch zum Ausgang geleitet wird.

Der Erzähler wechselt zwischen dem Mikroskop der nachinszenierten Beispiel-Episoden und der makroskopischen Verallgemeinerung auf eine amerikanische Gesamtwirklichkeit durch Archivmaterial und abstrakte Trickfilmsequenzen (interessant, das sich über die USA ausbreitende konspirative Spinnennetz des Gegners): beachtliches Dokument hierbei die realen Bilder gewalttätiger Streik- und Demonstrationsniederschlagungen durch Polizei und schusswaffenbewehrte Firmenschläger. Um die Vortäuschung einer dokumentarischen Objektivität bemüht sich der Film allerdings kaum; die Reden von Paul Robeson (der auch hier den Gesang nicht scheut) und die Musik von Marc Blitzstein verhehlen ihren Pathos nicht.

Das für manchen, vor allem aus europäischer Perspektive, Überraschende an “Native Land”: wie ein jubilatorischer amerikanischer Patriotismus hier mit linker Propaganda und vagem Großkapitalisten-Bashing eng umschlungen steht. Der Film leitet seine Argumentation aus ideologischen Grundannahmen her, die er mit ‘seinem’ Amerika in eins setzt: die Demokratie, die Freiheit des Einzelnen, sich sein Glück zu erkämpfen, die Freiheit der Rede und Selbstorganisation, die gleichen Rechte für jeden Bürger; Definition des Nationalstaates nicht über seine physischen Landesgrenzen, sondern über eine grundlegende Ideologie. Amerikanischer Patriotismus bedeutet ihm, für diese Werte einzustehen; jene Unternehmen dagegen, die zu den gegenstehenden Methoden der Faschisten (der Film verwendet den Begriff “fascist” durchgängig sehr freizügig) und Rassisten (der Rassismus als Mittel, um auch noch die Ärmsten auf einander statt auf ihren wahren Feind zu hetzen) greifen, um ihre Interessen durchzusetzen und amerikanische Bürger in der Ausübung ihrer Bürgerrechte einzuschränken, sind unamerikanisch und durch ihre geistige Nähe zum Kriegsfeind in Europa und Japan ein Feind im Inneren. Ihre Verschwörung gegen die Gewerkschaften wird von Volk und Regierung zerschlagen. Das Bild von Präsident Roosevelt hängt schirmherrenmäßig in jedem Gewerkschaftsbüro.

Die einzelnen Figuren in den Episoden von “Native Land” wirken individualisierter als etwa bei Eisenstein und Wertow. Ihre Namen und Gesichter sind nicht nur die von Typen gesellschaftlicher Klassen, wie in den sowjetischen Stummfilmen, sondern von vollwertigen Persönlichkeiten. Die Vorstellung des Menschen in “Native Land” entstammt einer bürgerlich-liberalen Tradition. Der Einzelne hat die Fähigkeit zum freien Handeln, ist darin nicht bereits vollständig durch seine sozialen Verhältnisse vorherbestimmt. So kann “Native Land” auch an den Sieg der Gewerkschaftsbewegung in einem kapitalistischen System glauben, ohne dieses System selbst grundlegend in Frage zu stellen. Das Feindbild von “Native Land” bleibt unklar ausformuliert. Sind es am Ende nur einige wenige, einem diffus als faschistisch bezeichneten Ungeist verfallene Einzelunternehmen, die verhindern, dass die aufrechte amerikanische Arbeiterschaft ihr Glück findet?

Sunday July 3, 2005

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