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Marie Antoinette, ein Plädoyer

Marie Antoinette
USA/Frankreich/Japan 2006, Sofia Coppola, 123 Minuten.

Marie Antoinette (Kirsten Dunst) ist von Kaiserin Maria Theresia in ein Arbeitsverhältnis als Gattin und Legehenne des französischen Thronfolgers Louis Auguste vermittelt worden, das sie aufgrund der Verkehrsunwilligkeit desselben nur unzureichend ausfüllen kann; ihre Stelle am Hof, nur unter erzwungener Aufgabe ihres bisherigen Lebens erlangt, ist von entfremdenden Verhaltensnormen, Mobbing und, aufgrund des Schwangerschaftsmangels, Unsicherheit über ihre Dauer gekennzeichnet (für den Fall einer Kündigung darf man die Abschiebung in ein Kloster als sicher annehmen); um unter dem Druck nicht zusammenzubrechen, lässt sie in einer prachtvollen Konsumorgie zu "I want Candy" die Sau raus. Genüsslich sind die materiellen, kulinarischen, modischen Werte in Marie Antoinette, an der historischen Schwelle zwar zwischen zwanghaft-repräsentativem Verschwendungsprunk und durchökonomisiert-durchgestylter Warenform, auf stets rein hedonistische Funktion hin potenziert. Den Perückenmacher, den Gartengestalter usw., sie muss man vielleicht als funktionelle Hauptfiguren mitbegreifen.

Den fraglos monströsen manuellen Arbeitsapparat hinter dem Ungeheuer Versailles reduziert Sofia Coppola indes auf eine einzige hervorragende Einstellung von wenigen Sekunden Länge, in der gesichtslose, dreckige Arbeiter-Hände schmutzige
Mit Vorliebe wird der Film über seinen hier beworbenen Soundtrack rezipiert, der auch tatsächlich ein paar nette Sachen enthält.
Vogeleier in einem Nest sauberputzen, damit Marie Antoinettes Tochter sie kurz darauf in genauso glanzvoll idealisiertem Zustand entdecken kann wie die übrige ausdesignte Welt um sie herum. Die Reduzierung insgesamt des Volkes auf das aus den Hallen der Großen Abwesende, und in Zeiten der Revolution zur bloßen gesichtslosen äußeren Bedrohung, hat Coppola in Marie Antoinette ungeheuchelt penetrant auf die Spitze getrieben; als die Revolution kommt, ist sie tatsächlich nur durch ein bedrohliches, aber unverkennbar äußeres Rumoren und vor den Fassaden hochragende Mistgabeln und Sensen gekennzeichnet, wie man es sonst nur in der Stummfilmzeit noch gewagt hätte.

Und "Revolution" ist bei Coppola sowieso, in der ganzen gesellschaftsformenumwälzenden Tragweite des Wortes, zu viel gesagt; das Verhängnis des Königspaares in Marie Antoinette ist ganz einfach reduziert auf Misswirtschaft und Überschuldung. Marie Antoinette ist dennoch (oder gerade auch deshalb [1]) einer der stärksten Filme über die Aristokratie seit Viscontis Il Gattopardo; wo der adelige Marxist Visconti allerdings die Feudal-Aristokratie als kulturell-zivilisatorisch der bürgerlich-kapitalistischen Konsumgesellschaft überlegen malte (und das durchaus mit einer schwelgerischen Pinselkraft, die ihresgleichen sucht), etabliert Sofia Coppola als unideologischer Hipster das Marie-Antoinette-Versailles freudevoll als utopische Insel einer liberalen modernen konsumistischen Überfluss-und-Spaßgesellschaft voller Chic, Mode, Style, Entertainment, deren Zeit nur noch nicht dauerhaft gekommen war, einerseits gegen ein historisches Versailles als Institution strenger sozialer Kontrolle (des Adels), und andererseits gegen ein quasi-protestantisches Diktat des ökonomischen Sachzwangs wider die Verschwendung.

Jene Buchbiographie, an der Sofia Coppola sich -- anstatt an Stefan Zweig -- orientierte.
Gegen den Vorwurf, das Volk verhungere (oder die Dritte Welt verhungere, oder die Globale Erwärmung ergebe sich) infolge der eigenen konsumistischen Verschwendungssucht, räkelt der Film sich tatsächlich auf überaus stylishe Weise in der Position "Sollen sie doch Kuchen statt Brot essen" und hat dabei keinerlei schlechtes Gewissen (die kurze Liason mit Rousseaus antizivilisatorischer Naturromantik, die Coppola ihrer Hauptfigur gönnt, ist auch nur ein weiterer Hedonismus). Und in dieser Bonbon-Form, derart schmackhaft gemacht durch einen Überfluss an visuellen und musikalischen und atmosphärischen Reizen, sollte man sich diesem Plädoyer auch eigentlich nur schwerlich entziehen können.

[1] Denn sind nicht letztlich auch Königstum und Adel nur Kategorien des Privatbesitzes einzelner Familien und damit eines Kapitalismus, der freilich nicht monetär sondern über den Landbesitz als Lehnswesen sich ein Jahrtausend zuvor etablierte?

Saturday November 4, 2006

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