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Die Zwangspointe im Kurzfilm

Ein Brief an den Vorfilm der dieswöchigen Sneak Preview im Filmtheater am Friedrichshain.

Ich weiß leider nicht, wie du heißt. Ich glaube fast, du hast dich anonym gehalten und die Anzeige eines Titels verweigert. Dein Vorspann bestand nur aus einer Liste von Orten auf der Welt, in Afghanistan, in den USA, in Deutschland. Vielleicht war diese Liste sogar dein Titel. Dann wäre es aber ein ziemlich langer Titel gewesen.

Du hast mich echt beeindruckt. Du warst eine Satellitenaufnahme. Reeller, plastischer, schärfer als Google-Earth, imposanter auf der großen Leinwand als die Space Night auf dem Bayrischen Rundfunk. Du hast eine Wüstengegend gezeigt. Ich saß an einer etwas randständigen, aber sehr weit vorne gelegenen Sitzposition. Da war mir, als müsste das Größenverhältnis, in dem ich dich sah — in dem du als Fläche mein gesamtes Blickfeld ausfülltest — ungefähr dem entsprechen, das ein Astronaut empfinden mag, der über der Erde schwebt. Das kann kein Fernseher und kein Computermonitor nachmachen. Dafür braucht man das Kino.

Toll, wie du da vor allem in diesem Modus verblieben bist, ohne wegzuschneiden, ohne zu beschleunigen. Du zeigtest die Welt von Oben, ohne Not, irgendwas passieren zu lassen. Die Kamera, oder sagen wir: der Satellit, glitt gemächlich. Richtung Südwesten. Du zeigtest mir viele Gebirge, Seen, Steppen. Dazu ein langsames, zuerst kaum unter dem ungestillten Publikumsgerede wahrnehmbares Anschwellen von Ton. Keine Musik oder so, nur Ton.

Ich war hin und weg. Die Vorfilme, die das Filmtheater am Friedrichshain zur Sneak Preview zeigt, sind ja viellzuoft leergewalzte Erzählübungen über sympathische Verlierer, unverstandene Kinder oder sowas, formelhafte Filmhochschulabgängerwerke, die ihre Originalität in standardisierten und leicht konsumierbaren Tetrapackhäppchen präsentieren und sich davor hüten, irgendwie zuviel zu wagen. Nur selten werden diese Kurzfilmgenrestandards transzendiert, indem zum Beispiel ein radikales ästhetisches Verfahren konsequent ohne Abschwächung durch Verniedlichung oder Verwitzelung durchgefahren wird. Vor ein paar Wochen gab es schon einmal einen solchen Film, der das wagte, und ein paar Wochen davor, und ein paar Wochen davor. Und nun schienst du dran zu sein, und ich freute mich, dass die Vorfilmauswahl des FaF tatsächlich besser geworden sei.

An die Steppe schloss sich plötzlich Stadt an. Auf den Kanälen zwischen den Grundstücken konnte man kleine Autos fahren sehen. Der unvermittelte Übergang von Wüstenland zu einer so hochtechnisierten wie auch makellos durchgrünten Stadt war surrealistisch, offenkundig nicht den Möglichkeiten der realen Geographie entsprechend, aber zugleich in der Form so makellos aufgelöst, dass er real erschien. Dazu war der Sound nun in eine Maße angeschwollen, das das Publikum langsam einschüchterte. Dann flog auch noch ein Flugzeug über die Stadt hinweg. Eine ganz eigenartige Hyperrealität machte mich schaudern. Das mochte in Teilen CGI sein, aber zu gut, um als solche erfahrbar zu sein. Die Konstruktion einer neuen hyperrealen Weltgeographie: Wir mochten nun tatsächlich von Afghanistan ohne nennenswerte kontinentale Sprünge in der deutschen Stadt angelangt sein, die die Anfangsliste ankündigte, oder bei den amerikanischen Highways. Ja, doch, das waren Highways.

Du begnügtest dich nun schon seit deinem Beginn, seit, ich weiß nicht, vielleicht zehn Minuten sogar, mit einem langsamen Anschwellen, im Ton, aber auch in der Konstruktion deiner Landschaft, die immer kunstvoller und surrealer wurde. Du produziertest damit bis jetzt schon mehr ästhetische und psychologische Wirkung als 95% deiner FaF-Vorfilmkonkurrenz es für gewöhnlich bis zum Ende schafft. Deine Größe, deine Unerhörtheit, nahm mit jeder weiteren Sekunde, die du das bis zum Abspann durchhalten mochtest, zu.

Und dann hast du mich betrogen. Das Bild begann zu wackeln. Videofiltereffekte zogen ein. In Sprüngen, weniger in einem Sturz, nähertest du dich deinen Motiven an. Schon sah man einen Vorgarten. Und dann, Schnitt, lag da ein zerborstener, rauchender Satellit im Gras. Aus der Hyperrealität zurück ins schnöde Erzähluniversum.

Du hast alles, was du hattest — in ziemlich beachtlichem Maße hattest! —, geopfert für eine plumpe Pointe. Natürlich, man hätte es voraussehen können. Der Genrekurzfilm muss immer eine Pointe haben. Sonst wäre er ja nicht lustig. Und Lustigkeit brauchen wir, um das Erhabene ins Erträgliche abzudämpfen.

P.S.: Wenn irgendwer einen Titel oder eine IMDb-URL für den Film weiß, gerne rinn damit in die Kommentare!

Wednesday September 5, 2007

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